Der Unternehmensjurist - denn es muss nicht immer eine Kanzlei sein

04. Dezember 2017 Perspektive, Zukunft, Stabilität
 

Der Unternehmensjurist - denn es muss nicht immer eine Kanzlei sein

Wer sich bei der Frage nach seinem Beruf allgemein als Jurist vorstellt, bei dem vermuten die meisten Menschen eine Tätigkeit als Rechtsanwalt in einer Kanzlei beziehungsweise als Richter oder Staatsanwalt am Gericht. Die beruflichen Möglichkeiten von Juristen sind allerdings weitaus vielfältiger. Hinter der Bezeichnung "Unternehmensjurist" verbirgt sich beispielsweise eine Vielzahl von juristischen Aufgabenbereichen. Womit beschäftigen sich also Unternehmensjuristen, die eben nicht in den klassischen Bereichen der Justiz und Rechtspflege arbeiten?

Der Syndikusanwalt oder Legal Counsel

Die Bezeichnung Syndikusanwalt gilt vielfach als Oberbegriff des typischen Unternehmensjuristen. Es handelt sich dabei um einen zugelassenen Rechtsanwalt, der bei einem Unternehmen fest angestellt ist und für dieses anwaltliche Aufgaben übernimmt. Geregelt ist diese Stellung in § 46 Absatz 2 der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO). Eine Änderung der §§ 46 ff. BRAO in 2016 befreite Syndikusanwälte aus dem Spagat zwischen der Angestelltentätigkeit und der Zulassung als Rechtsanwalt mit einer in diesem Fall regelmäßig nur angetäuschten freiberuflichen Tätigkeit im eigenen Wohnzimmer. Auch wer nur als Angestellter für ein Unternehmen anwaltlich tätig ist, darf und muss sich als Rechtsanwalt zulassen. Anwaltlich tätig ist, wer unabhängig und eigenverantwortlich

  • die Prüfung von Rechtsfragen, einschließlich der Aufklärung des Sachverhalts, sowie
  • das Erarbeiten und Bewerten von Lösungsmöglichkeiten vornimmt,
  • Rechtsrat erteilt,
  • seine Tätigkeit auf die Gestaltung von Rechtsverhältnissen ausrichtet und
  • die Befugnis hat, nach außen verantwortlich aufzutreten.

Nach § 46c Abs. 2 BRAO darf der Syndikusanwalt seinen Arbeitgeber in den meisten Fällen nicht gerichtlich vertreten. Er kann nur mittelbar an gerichtlichen Verfahren teilnehmen, indem er dieses für einen externen Rechtsanwalt vorbereitet und mit diesem gemeinsam an einer Verhandlung teilnimmt. Als Angestellter bezieht der Syndikus ein festes Gehalt und rechnet kein gesondertes Anwaltshonorar gegenüber dem Arbeitgeber ab. Welche Bereiche der Syndikusanwalt konkret abdeckt, hängt unter anderem von dem Geschäftsfeld des entsprechenden Unternehmens und auch dessen Größe ab.

Spezielle Tätigkeitsbereiche von Unternehmensjuristen

Es gibt eine Reihe von speziellen rechtsberatenden Tätigkeiten im Unternehmen, die Syndikusanwälte und sonstige angestellte Juristen übernehmen. Ob sich der betreffende Jurist als Syndikusanwalt zulassen muss, hängt immer davon ab, ob er im Sinne der genannten Definition anwaltlich tätig wird. Manche der von Unternehmensjuristen betreuten Tätigkeitsbereiche erfordern zusätzliche Qualifikationen wie zum Beispiel ein Zusatzstudium der Wirtschaftswissenschaften, eine abgeschlossene Ausbildung als Bankkaufmann, zusätzliche Kenntnisse im Bereich Human Resources oder eine zertifizierte Ausbildung im Datenschutz. Der Bedarf an Unternehmensjuristen ist relativ groß, da immer mehr Unternehmen ihre Rechtsangelegenheiten einem Juristen im eigenen Hause anvertrauen. Sie profitieren von der ständigen Ansprechbarkeit "ihres Inhouse-Juristen" ebenso wie von dem besonderen Vertrauensverhältnis zu ihrem Angestellten sowie der im Vergleich mit externen Beratern vielfach geringeren Kosten.

Jurist für Arbeitsrecht

Der Jurist für Arbeitsrecht betreut für das Unternehmen vor allem betriebsverfassungsrechtliche Vorgänge. In vielen Unternehmen spielt das kollektive Arbeitsrecht eine große Rolle. Hier geht es um den Abschluss von Betriebsvereinbarungen und eine entsprechende Einflussnahme auf Tarifvereinbarungen bei den Tarifparteien. Ebenso ist in jedem Unternehmen das individuelle Arbeitsrecht von großer praktischer Bedeutung. Der Jurist für Arbeitsrecht wird daher nicht nur Verhandlungen und Abschlüsse im Bereich von Betriebsvereinbarungen betreuen, sondern ist auch Ansprechpartner bei der Gestaltung von Arbeitsverträgen und anderen personalrechtlichen Dokumenten. Juristen für Arbeitsrecht haben sich regelmäßig schon während der juristischen Ausbildung auf das Arbeitsrecht spezialisiert und weisen in diesem Rechtsgebiet vertiefte Kenntnisse auf.

Rechtsbetreuer im Konzernrecht

Dieser Jurist wird vom Unternehmen mit gesellschaftsrechtlichen, aufsichtsrechtlichen und verwaltungsrechtlichen Fragestellungen betraut. Vielfach erstellt er entsprechende unternehmerische Richtlinien und betreut Rechtsstreitigkeiten im Verhältnis der Konzernunternehmen untereinander. Ein Jurist, der das Konzernrecht betreut, muss mehr als solide Kenntnisse im Gesellschaftsrecht, Steuerrecht und allen benachbarten Rechtsgebieten mitbringen. Vielfach sind Fremdsprachenkenntnisse von Vorteil, wenn es sich um einen internationalen Konzern handelt.

Unternehmensjurist im Bereich Versicherung und Schadensregulierung

Versicherungen weisen vielfältige Bezüge zu verschiedenen Rechtsgebieten auf. Dabei geht es nicht nur um das Versicherungsrecht selbst, sondern auch um Haftungsfragen, Vertragsgestaltungen und allgemeine zivilrechtliche Problemstellungen. Wer als Jurist für eine Versicherung arbeitet, hat im Idealfall eine vorherige Ausbildung als Versicherungskaufmann absolviert. Weiterhin sind belastbare / fundierte Kenntnisse im Versicherungsrecht und allen verwandten Rechtsgebieten notwendig. Wer als Jurist in der Rückversicherung tätig wird, ist umfassend mit rechtlichen sowie versicherungsrechtlichen Bereichen im Verhältnis zwischen Versicherung und Rückversicherer befasst.

Begeben wir uns in den Bereich der Schadensregulierung und des Schadensmanagements, sind auch hier Juristen bei der Steuerung von Maßnahmen zur Schadenserhebung und -minderung vielfach tätig. Sie sind in diesem Bereich Ansprechpartner im Prozessmanagement und bei Vergleichsverhandlungen.

Unternehmensjuristen werden außerdem häufig im Versicherungsunternehmen mit der Entwicklung und Analyse von unterschiedlichen Szenarien im Underwriting bei Schadenseintritt beauftragt. Es ist dann ihre Aufgabe, entsprechende Angebote zu erstellen, die die verschiedenen Interessen optimal miteinander verbinden.

Der Fondsjurist

Ein immer breiteres Feld nehmen Tätigkeiten von Fondsjuristen ein. Fondsjuristen werden vorwiegend für Investmentfonds und Investmentgesellschaften tätig. Ihnen obliegt dabei unter anderem die laufende Betreuung von Verwaltungsgesellschaften. Wird ein Fonds initiiert, ist es regelmäßig ein Fondsjurist, der die erforderlichen rechtlichen Dokumente und Gesellschaftsverträge erstellt, der Verwaltungsratsbeschlüsse vorbereitet und die Initiatoren zu allen Fonds sowie gesellschaftsrechtlichen Themen berät. Dabei geht es aktuell auch um die Umsetzung neuer regulatorischer Vorgaben zum Beispiel UCITS V und AIFMD.

Der Fondsjurist ist daneben Ansprechpartner für die Aufsichtsbehörden sowie für externe Berater und Wirtschaftsprüfer. Er nimmt die erforderlichen Anzeigen gegenüber den Behörden vor und bereitet die entsprechenden Publikationen für Anleger vor. Vielfach weisen Fondsjuristen neben ihrer volljuristischen Ausbildung eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzqualifikation und/oder eine erfolgreich absolvierte Ausbildung als Bankkaufmann auf. Fremdsprachenkenntnisse wie Englisch und Französisch sind ebenfalls von Vorteil.

Die beschriebenen Tätigkeitsfelder geben nur einen Überblick zu den beruflichen Möglichkeiten, die ein Unternehmensjurist heute hat. Es ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Unternehmensjuristen weiter wachsen wird. Die rechtlichen Bedingungen für Unternehmen werden vor allem im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung und die damit verbundenen Anforderungen des Datenschutzes immer komplexer. Auch in einzelnen anderen Rechtsgebieten wie im Bereich der Finanzen, des Banken- und Versicherungsrechts als auch im Arbeitsrecht nimmt die Regelungsdichte zu. Das Berufsbild Unternehmensjurist wird so auch künftig weiter an Attraktivität gewinnen.